* Tesshinkan Europe-Gasshuku 2016 *

Jeden Sommer seit 2011 kommt Tamayose Hidemi Hanshi nach Nordhausen, um sein Kobudô zu lehren. Jedes Jahr? Fast jedes Jahr. Im letzten Jahr konnten wir unseren Sensei leider nicht in Nordhausen besuchen, da er mit den Vorbereitungen der 1. Kobudô-Weltmeisterschaft auf Okinawa beschäftigt war. Wir mussten also unser traditionelles Trainingslager ohne ihn abhalten. Das hielt uns aber nicht davon ab, ihn eine Woche später zu besuchen. Aber das ist eine andere, erfolg- und lehrreiche Geschichte.
Dieses Jahr hat es aber wieder geklappt: Tamayose Sensei - begleitet von seiner Gattin Masako-san - kam wieder nach Nordhausen, der kleinen Stadt am Südharz. Dieses Jahr hatte der Nordhäuser Karate-Verein um Frank Pelny zum ersten Mal einen echten Zehnten Dan direkt aus Okinawa zu Gast: Tamayose Sensei erhielt im Dezember den 10. Dan im Kobudô verliehen und ist damit einer der wenigen, denen diese Auszeichnung jemals zuteil geworden ist.

Kaichô Tamayose kam am 28. Juli an. Eine Stunde nach seiner Ankunft war Sensei auch schon bereit, die über 50 Teilnehmer zu begrüßen und das Training zu beginnen.
Der Teilnehmerkreis war erneut international mit Gästen aus Sri Lanka, Russland (sogar wieder aus Sibirien), Weißrussland, Iran und Pakistan. Auch Gäste aus dem Shimbukan konnten wir begrüßen.
Den Start machte natürlich das Bô-no-Kihon. Die Grundlage des gesamten Bôjutsu. Kata könnte man vielleicht vergessen, das Kihon nicht. Zwar möge das Kihon weniger spannend als die Kata sein, aber es sei die Grundlage. Nur wer das Kihon ausreichend übe, der würde auch seine Kata verbessern, so Tamayose Senseis Credo. Los ging es also. Die Temperaturen waren uns dieses Jahr wohlgesonnen, was das Schwitzen aber bei weitem nicht verhindern konnte. Nach dem Kihon widmeten wir uns den Kata. Tamayose Sensei kümmerte sich um die Schülergrade mit Shûshi-no-Kun (Shô), derweil Frank Pelny Sensei (5. Dan Kobudô, 6. Dan Karate, Technischer Direktor des Ryûkyû Kobudô Tesshinkan Kyô Kai Europa) sich um die Fortgeschritteneren und Dan-Anwärter kümmerte. Die letzte Donnerstagseinheit wurde von Pelny Sensei gegeben: eine interessante Bô-Kumite-Serie, die die wichtigsten Angriffs- und Verteidigungskonzepte der Bô-Kata lehrte.
Der Tag war aber damit noch nicht vorbei. Wie jedes Jahr trafen sich die Teilnehmer später in Pelny Senseis Dôjô zum gemeinsamen Essen und Plaudern. Es ist ein schönes Gefühl, alte Freundschaften pflegen und neue knüpfen zu können. Wie Sensei es immer sagt: Das Tesshinkan ist eine Familie.

Den Freitagmorgen begann Tamayose Sensei mit einer Karate-Einheit. Unterstützt von Hagen Walter (3. Dan, Jena) ging der Sensei das Kihon durch und begutachtete jeden Teilnehmer individuell. Sensei kümmerte sich im zweiten Teil der Einheit um die Dan-Prüflinge im Shôrin-Ryû, während die andere Gruppe sich den Fukyugata widmete. Die Viertelstunde Pause zwischen den Einheiten wurde zum Auffüllen der Flüssigkeitsreserven genutzt. Für die Dan-Träger ging es mit einer Sai-Einheit weiter. Tamayose Sensei ging dabei intensiv auf einige wichtige mechanische Prinzipien ein, die er eindrucksvoll mit und ohne Waffen demonstrierte: Der unscheinbare und sanfte ältere Herr aus Okinawa bewegte einen Hundertkilo-Menschen ohne Mühe. Danach widmete sich Sensei wieder den Schülergraden, wo er Nunchaku und Tekkô (Ersatzgegenstände in unserem Falle) lehrte. Die Dan-Gruppe widmete sich derweil dem Bô-tai-Sai-Kumite, dem Tunfâ und dem Tinbe. Das letzte Training des Tages rundeten Frank Pelny mit den Nichô-Gama bei den Dan-Trägern ab. Hagen Walter kümmerte sich derweil um die Schülergrade, mit denen er die mechanischen Details der Schwungtechniken erörterte und übte.
Im Anschluss informierte Tamayose Sensei die Dôjô-Leiter über Neuigkeiten aus Okinawa, wie den Bau eines weiteren Budôkan und der Planung des nächsten Kobudô World Tournaments. Der Tag fand einen schönen Ausklang in Pelny Sensei Dôjô bei Gegrilltem und Berlinern.

Sensei begann den Sonnabendmorgen mit Karate-Kata und ein wenig Bunkai. Manch einer mag überrascht gewesen sein, wie kraftvoll das Stiloberhaupt zugreifen kann. Im Laufe des Tages wurde auch noch Eku trainiert. Sebastian Edelmann Sensei (4. Dan Kobudô, 5. Dan Karate, Halle) übte mit den Farbgurten Sai und insbesondere die Anwendung der Blöcke. Danach kam der erste Höhepunkt des Tages: Er sei früher schneller gewesen und agiler, entschuldigte sich Tamayose Sensei und ergriff das Eku erneut. Stille und Aufmerksamkeit. Schnell wie ein Tiger und mit dem Kampfgeist eines Löwen zerschnitt Kaichô Tamayose die Luft, nein, nicht die Luft. Man fühlte, dass nach den Schlägen etwas in Stücke geschlagen am Boden liegen musste.
Danach waren wir aber dran, dem Sensei etwas zu zeigen. Während der Dan-Vorbereitung korrigierte Sensei jeden Prüfling einzeln, was angesichts der vielen Prüflinge eine große Aufgabe war.
Die Halle wurde danach ein wenig modfiziert. Der European-Cup des Tesshinkan stand bevor. Kata mit Bô, Sai, Tekkô und Eku wurden demonstriert. Ebenso waren Bô- und Sai-Kumite nach den Kata dran. Das Leipziger Team mit Pierre Lorenz und Marcus Lauenstein bestach wieder durch Kreativität und Kampfgeist.

Am Sonntag wurde das reguläre Training durch die Senpai geleitet: Hagen Walter nahm die Pinan-Shodan auseinander, Pierre Lorenz (3. Dan, Leipzig) vertiefte die Sai-Techniken weiter, Viktor Vollmer und Doreen Schilling (3. Dan, Nordhausen) übten mit den Teilnehmern Bô-tai-Sai-Kumite. Wo war Sensei? Sensei hatte allerlei zu tun. Nicht weniger als 17 Dan-Prüfungen standen an. Das nahm Zeit in Anspruch, viel Zeit. Am Ende konnten die Prüflinge ihre gesteckten Ziele erreichen:
5. Dan Kobudô - Sebastian Edelmann, Halle/GER
3. Dan Kobudô - Wolfram Reichmuth, Jena/GER, Marcus Lauenstein, Leipzig/GER
2. Dan Kobudô - David Hornig, Jena/GER
1. Dan Kobudô - Natalie Mandel, Wedemark/GER, Reinhardt Mandel, Goslar/GER, Ramona Risch, Ilmenau/GER, Thomas Flagmeyer, Nordhausen/GER, Gesine Hauschild, Jena & Nordhausen/GER, Oliver Schiffner, Jena & Berlin/ GER, Michaela Frost, Halle/GER, Evgenii Kiselew, Voronezh/RUS, Boris Grigoryew, Sibirien/RUS
2. Dan Karate - David Hornig, Jena/GER, Pawel Dolgatschew, Kaliningrad/RUS
1. Dan Karate - Marius Nolte, Ilmenau/GER, Martin Mähler, Jena/GER
Herzlichen Glückwunsch allen Prüflingen!

Doch damit war das Seminar noch nicht beendet! Sensei, barfuß, aber im Sakko und mit Anzugshose gekleidet, bat uns, in einer Linie Aufstellung zu nehmen. Dann wurden die Teilnahmeurkunden ausgegeben. Anschließend rief Sensei: "Shiko-Dachi! Chûdan-Tsuki!", "Ichi! Ni!..." Eine schöne Tradition, die sich Sensei hat einfallen lassen, die nocheinmal die Stimmung richtig hebt, bevor sich alle verabschiedeten. Auch hierfür hat sich Sensei vor langer Zeit etwas Schönes einfallen lassen. Wie eine Fahrradkette gingen wir aneinander vorbei und jeder reichte jedem die Hand. Tesshinkan ist eine Familie!

An dieser Stelle danken wir Tamayose Hidemi Sensei für das wundervolle Training und die schönen Tage mit ihm und Masako-san. Ebenso danken wir Masako-san für die liebevolle Kinderbetreuung. Vielen Dank an Frank Pelny und sein Team. Die Organisation und Planung waren großartig - wie jedes Jahr. Danke an die vielen Gäste für ihre Teilnahme und die großartige, freundschaftliche Atmosphäre. Vielen Dank an unsere Übersetzerinnen Namikawa Asami-san und Ekatarina Kiselewa.