Zehn Jahre RYÛKYÛ KOBUDÔ TESSHINKAN Kyô Kai


Gruppenbild der Teilnehmer

Dieses Jahr war es wieder soweit, der KKD konnte einen okinawanischen Kobudô-Großmeister als Gast begrüßen – zu einem besonderen Anlass – Tamayose Hidemi.

Ô-Sensei Akamine Eisuke, zweiter Präsident des Ryûkyû Kobudô Hôzon Shinkô Kai, erlag am 14. Januar 1999 einem Krebsleiden im Alter von 74 Jahren. Tamayose Sensei, damals Träger des siebten Dan, bereitete bereits noch zu Lebzeiten von Akamine Eisuke mit dessen Unterstützung und Billigung die Gründung seines eigenen Dôjô vor, mit dem Ziel, das Kobudô, welches und wie er es von Dai-Sensei Akamine lernte, weiter zu lehren und zu verbreiten. Am 22. Mai 1999 war dann der offizielle Gründungstermin seines Verbandes – des Ryûkyû Kobudô Tesshinkan Kyô Kai – dem Ort, wo Herz und Geist vereint sind.

Inzwischen trägt Sensei Tamayose Hidemi den 9.Dan im Ryûkyû Kobudô und sein Stil ist seit 2004 offiziell als solcher anerkannt. In den vergangenen zehn Jahren hat sich sehr viel getan – insgesamt über 80 Dan-Träger in Okinawa, den USA, Kanada, der Tschechei, Russland und Weißrussland sowie Deutschland, eine Teilnahme an den Kobudô-Weltmeisterschaften (2003), 5 Europameisterschaften, ein Buch und einiges mehr.

Sensei Tamayose ehrte nun – 10 Jahre nach Gründung des Tesshinkan Kyô Kai – den KKD damit, zum Jubiläum in Europa zu weilen und dort zu feiern. Vom 21. Mai bis 24. Mai fand in Klatovy ein viertägiges, abwechslungsreiches Seminar mit dem Stiloberhaupt statt.

Nachdem am Nachmittag des Donnerstages schon fleißig in Hořakov unter Tamayose-Sensei Shôrin-Ryû trainiert wurde, traf der Großteil der Teilnehmer gegen vier Uhr Nachmittag in Klatovy und Umgebung ein. Neben vielen deutschen Teilnehmern stachen besonders weitere ausländische Gäste hervor: Sergei Mirutenko (6.Dan Fudôkan Karate-Dô) und sein Sohn Igor (4.Dan Fudôkan Karate-Dô) aus Weißrussland sowie Pawel Dolgatschow (1.Dan Ryûkyû Kobudô Tesshinkan, 2.Dan Gojû-Ryû), Vadim Borunow und Katharina Sidorowa aus Kaliningrad, Russland. Pünktlich 19 Uhr begann das erste Kobudô-Training unter Tamayose-Sensei. Zu Beginn der Einheit stellte er erfreut fest, dass viele der Gesichter bekannt sind, aber auch ebenso einige neue dabei sind. Traditionsgemäß begann der Unterricht mit Bô-no-Kihon. Leider war die Halle, die wir für den Donnerstagabend hatten, etwas eng – oder besser, wir waren sehr zahlreich; so musste letztlich bei der siebten Kihon-Technik etwas Acht gegeben werden, aber alles klappte hervorragend und selbst Shûshi-no-Kun (Shô) ließ sich letzten Endes problemlos laufen. Diese Stunde dauerte für viele leider nur 75 Minuten, denn danach war ein Tesshinkan-Dôjô-Leiter- und Dan-Träger-Treffen angesetzt. Hierbei muss unserem Vizepräsidenten David Dekreon von Herzen und aufrichtig gedankt werden, da er all die Tage deutsch-japanisch gedolmetscht hat. In kleinerem Kreise wurden so Fragen zu technischen Details gestellt und beantwortet, aber auch Fragen zur Organisation kamen auf und wurden präzise geklärt. Es gibt jetzt zum Beispiel einen speziellen Tesshinkan-Ausweis, den Tamayose Sensei selbst entworfen hatte. Sichtlich gut gelaunt zerstreuten sich alle Teilnehmer diesen Abend in ihre Unterkünfte in Klatovy, Podolí oder Hořakov, um für den folgenden Tag gut gerüstet zu sein.

Die Ersten standen schon gegen fünf Uhr auf, um die wenige, nicht mit Training gefüllte Zeit, zum Wandern durch die tschechische Natur zu nutzen – satte grüne Wiesen, Berge, Wälder sowie Unmengen an violetten und gelben Blüten, die all dieses schmückten. Ein herrlicher Anblick, welcher einen guten Start in den Tag erleichterte. Um 10 Uhr fand man sich zum gemeinsamen Training wieder in Klatovy ein – diesmal in der angrenzenden und etwas größeren Turnhalle. Und wieder ist die Anzahl der Teilnehmer gestiegen. Ein sichtlich gut gelaunter Großmeister stand vor uns, übte gemeinsam mit uns das Bô-no-Kihon und widmete auch der Korrektur der Techniken viel Zeit. Nachdem innerhalb der ersten sechzig Minuten das obligatorische Kihon und die Shûshi-no-Kun (Shô) geübt wurden, teilte der Sensei in drei Gruppen: Tekkô beim Kanchô selbst, Nunchaku bei Sensei Frank Pelny (3. Dan, Nordhausen) und Sakugawa-no-Kun (Shô) bei Sensei Joachim Pabst (3. Dan, Hammelburg). Die Gruppen tauschten zyklisch durch, so dass jeder in den Genuss eines jeden Sensei kam. Anschließend wurde noch kurz erklärt, wo die Gala zu Ehren unseres Stiloberhauptes abgehalten würde. Die meisten Budôka blieben noch gut eine dreiviertel Stunde in der Turnhalle, um ihren Teil der Vorführung zu proben. Dabei ließ Tamayose Sensei es sich nicht nehmen, neugierig – fast wie ein Kind zu Weihnachten – überall einmal zu schauen und zu fotografieren. Das Lächeln in seinem Gesicht verriet das Übrige. Gegen halb drei fanden sich alle Teilnehmer der Feierlichkeiten in der nunmehr dritten Halle ein – im Anzug oder Gi. Noch einmal Generalprobe, Kameras aufstellen, Waffen bereitlegen – dann drei Uhr. Der Bürgermeister Klatovys, ein Tschechisch-Deutsch-Dolmetscher, der ehemalige Bundestrainer und jetzige Gendai-Goshin-Kobujutsu-Stilrichtungsreferent Rainer Seibert sowie Tamayose Sensei und David Dekreon eröffneten nun gemeinsam die Feierlichkeiten. Übrigens wurde erwähnt, dass Tamayose Sensei gebeten wurde, an den Feierlichkeiten zu Klatovys 750-Jahr-Feier 2010 mitzuwirken. Auf einer Breite von über zwanzig Metern marschierten dann Schüler- und Meistergrade im Kobudô auf. Die Gala begann – traditionell - mit Bô-no-Kihon, jedoch nur einseitig und einmalig. Es folgten Tänzerinnen mit Stöcken aus der örtlichen Tanzschule. Ihre Präsentation beinhielt viele Würfe und Schwünge, so dass die Verbindung zu uns recht schnell gefunden werden konnte. Es folgten im Wechsel nun Tanzeinlagen und Kampfkunstvorführungen. Wolfram Reichmuth, Marcus Lauenstein, David Hornig und Hagen Walter demonstrierten je das Tekkô-, Nunchaku- und Tunfa-no-Kihon samt einiger Anwendungen. Es folgte eine weitere Demonstration des Bô-no-Kihon mit Schwerpunkt auf dem Bunkai durch Nordhausen (Matthias Junkherr, Viktor Vollmer, Doreen Schilling, André Krause, Christian Henning und Benjamin Jipp). Zwei Gemeinschaftsprojekte zwischen Nordhausen und Halle sowie zwischen Nordhausen, Jena und Ilmenau rundeten den Budô-Anteil ab: Bô-tai-Tunfa Kumite (Matthias Junkherr, Stefanie Grzeja) und Shûshi-no-Kun (Shô) Team-Kata (Pierre Lorenz, David Hornig, Hagen Walter). Im Anschluss übergab das Haupt des europäischen Tesshinkan Kyô Kai (F. Pelny, S. Edelmann, J. Pabst) einige Geschenke, darunter einen sehr sorgfältig gravierten Bô, an das Oberhaupt des Tesshinkan Kyô Kai. Sichtlich gerührt und höchst erfreut wurde der Sensei daraufhin auf vielen Fotos verewigt. Nach der Gala schickten sich etwa zwanzig Mann an, unter der Aufsicht Sensei Pelnys, Edelmanns und Junkherrs auf den anstehenden Wettkampf und die anstehenden Prüfungen weiter vorzubereiten. Gegen acht Uhr verließ auch der letzte die Halle. Im geselligen Beisammensein wurde der Rest des Abends im Hotel Rozvoj verbracht. Zehn Jahre Tesshinkan – vollbracht – aber es geht mit großen, festen Schritten weiter.

Am Morgen des Sonnabends wurde traditionell wieder mit Bô begonnen und nach einer Stunde in zwei sich abwechselnde Gruppen getrennt: Sakugawa-no-Kun (Shô) bei Sensei Pelny und Nunchaku bei Kanchô Tamayose. Nach zwei Stunden Pause ging es von zwei bis vier noch einmal rund. Während der ersten Stunde trainierten beide Gruppen bei Sensei Pelny Bô-no-Kihon-Bunkai und einige Varianten davon, Sensei Tamayose lehrte derweil weitere Feinheiten des Sai-no-Kihon und der Chikin-Sshitahaku-no-Sai. In der zweiten Stunde bereiteten sich alle Kyû-Grade intensiv auf den Wettkampf vor. Bei Tamayose Sensei analysierte man hingegen die Shûshi-no-Kun (Dai) und absolvierte daraufhin einen Kata-Marathon bei annähernd 30°C: Sakugawa-no-Kun (Dai) → Shiratara-no-Kun → Chatan-Yara-no-Sai → Hama-Higa-no-Sai → Tawata-no-Sai → Kugushiku-no-Sai → Hama-Higa-no-Tunfa → Kanegawa-no-Tinbe. Zwar sichtlich geschafft, aber frisch motiviert begab man sich dann zur Wettkampffläche, die schnell und akkurat eingeräumt wurde, um noch einmal eine Einweisung in das Verbeugungszeremoniell beim Wettkampf zu erhalten – auf Englisch natürlich – wie es sich für einen internationalen Lehrgang und Wettkampf gehört. In der Kategorie der Damen setzte sich überraschender Weise Geertje Ganskow (Seishinkai Jena) durch. Favoritin Stefanie Grzeja verlor so zum ersten Mal seit Beginn des Europapokales im Tesshinkan den Titel, weil sie eine Sai verlor. Verständlich, wenn man nach dem Kata-Marathon und auf Geheiß der Wettkampfregeln auf wesentlich größere Sai zurückgreifen muss. In der Kategorie der männlichen Kyû-Grade setzte sich Viktor Vollmer mit Bô durch. Der Weißrusse Igor Mirutenko bestach in dieser Kategorie durch eine großartige Nunchaku-Kata und einem neunzig-Grad-Shiko-Dachi. Während dieses Wettkampfes sah man recht schnell, wo man mit echtem Nunchaku trainieren darf und wo nicht. Bei den männlichen Dan-Trägern setzte sich Matthias Junkherr mit Bô gegen Pawel Dolgatschew (Bô) zum ersten Platz durch. Auch Pawel gewann seine vorherige Runde mit Nunchaku. Am Abend wurde zum Grillen in Hořakov geladen. Vier Mann jedoch konnten den Sonntag nicht erwarten. Voller Vorfreude und auch Nervosität fieberten Wadim Borunow, Sergei und Igor Mirutenko ihrer Prüfung zum ersten Dan und Hagen Walter seiner zum zweiten Dan entgegen. Der Sensei lief am nächsten Morgen mit allen Teilnehmern zu Beginn die Sakugawa-no-Kun (Shô) sehr ausführlich. Endlich schlug es dann elf – es ging los. Unter vier Paar strenger Augen absolvierten die vier ihre Programme. Dann Schweigen, das Prüfungsgremium aus Tamayose Hidemi, Frank Pelny, Joachim Pabst und Sebastian Edelmann rechnete die Punktzahlen aus. Sie entschieden, ob bestanden oder nicht. Stille. Das Klingeln des Mobiltelefons des Kanchô zerriss die Stille und sorgte dafür, dass die wenigen Minuten bis zum Verkünden der Ergebnisse sich wie Stunden anfühlten. Der Sensei hatte kaum aufgelegt, da stieg die Aufregung erneut stark an. Er rief den ersten Namen auf, nannte auf Japanisch eine Zahl und sagte: passed – bestanden. Dies tat er viermal. An dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch an die neuen Dan-Träger. Im Anschluss korrigierte der Sensei die Fehler der Prüflinge sehr genau. Dann näherten sich beide Uhrzeiger aber auch schon der Zwölf. Man versammelte sich in der großen Halle. Eine letzte Ansprache durch Tamayose Sensei und Rainer Seibert. Ein Gruppenbild und alles war vorbei. Doch die Erinnerung an diesen großartigen Lehrgang wird beim Betrachten der unzähligen Fotos und Videos Revue passieren und sich als großartiger Lehrgang in jedermanns Gedächtnis einbrennen. Einzig beklagenswert war, dass der Lehrgang nur vier Tage dauerte. Dafür wird uns Tamayose Sensei nächstes Jahr jedoch volle drei Monate besuchen. Danke, Tamayose Sensei! Danke, Rainer Seibert! Danke, Frank Pelny! Danke, David Dekreon! Dank an alle, die sich als Chauffeure, Dolmetscher, Trainer, Prüfer, Organisatoren und Helfer am Gelingen dieses Lehrganges beteiligt haben!